Warum Verlieren manchmal so weh tut – und Gewinnen sich so gut anfühlt
- Caroline Schwander

- 8. Juni
- 5 Min. Lesezeit

Eine kleine Geschichte von Lena, Jonas und Theo
Es ist Sonntagnachmittag. Draussen regnet es. Also sitzen Lena, Jonas und ihr siebenjähriger Neffe Theo am Küchentisch und spielen ein Gesellschaftsspiel.
Anfangs ist die Stimmung fröhlich. Theo lacht, würfelt begeistert und erzählt bei jeder Gelegenheit, wie er gleich gewinnen wird.
Doch dann passiert es.
Jonas zieht an Theo vorbei. Lena bekommt eine Glückskarte. Und plötzlich merkt Theo: Heute werde ich wahrscheinlich nicht gewinnen.
Seine Stirn verzieht sich.
«Das ist unfair!»
Er wirft die Karten auf den Tisch.
«Ich spiele nie mehr mit euch!»
Lena zuckt zusammen. Sie ist verletzt. Jonas hingegen lehnt sich entspannt zurück und sagt: «Ach Theo, beim nächsten Mal gewinnst du vielleicht wieder.»
Doch Theo weint. Lena fühlt sich schlecht. Und Jonas versteht die ganze Aufregung nicht.
Warum reagieren drei Menschen auf dieselbe Situation so unterschiedlich?
Gewinnen ist mehr als nur Gewinnen
Wenn wir gewinnen, passiert etwas Spannendes in unserem Gehirn.
Wir erleben:
Erfolg
Anerkennung
Kompetenz
Zugehörigkeit
Stolz
Unser Gehirn schüttet unter anderem Dopamin aus. Wir fühlen uns stark und wirksam.
Für Kinder ist das besonders intensiv.
Ein Sieg bedeutet oft nicht nur:
«Ich habe das Spiel gewonnen.»
Sondern:
«Ich bin gut.»
Und genau hier beginnt die spannende Sichtweise der Transaktionsanalyse.
Theo verliert kein Spiel – er verliert seinen Selbstwert
Aus Sicht der Transaktionsanalyse hat jeder Mensch verschiedene Ich-Zustände:
Eltern-Ich
Erwachsenen-Ich
Kind-Ich
Theo spielt vor allem aus seinem freien und angepassten Kind-Ich heraus.
Für ihn ist das Spiel nicht einfach ein Spiel.
Sein Kind-Ich verbindet Gewinnen mit:
«Dann bin ich toll.»
Und Verlieren mit:
«Dann bin ich nicht gut genug.»
Natürlich denkt er das nicht bewusst.
Aber emotional fühlt es sich genau so an.
Darum entsteht so viel Wut.
Denn hinter Wut steckt oft etwas anderes:
Enttäuschung
Scham
Ohnmacht
Verletzlichkeit
Ein siebenjähriges Kind kann diese Gefühle meist noch nicht benennen.
Also kommt die Wut zuerst.
Warum verletzt es Lena?
Theo beruhigt sich langsam wieder.
Doch Lena sitzt immer noch etwas traurig am Tisch.
Warum?
Weil auch bei Lena etwas aktiviert wurde.
Vielleicht meldet sich ihr angepasstes Kind-Ich.
Unbewusst denkt sie:
«Jetzt habe ich etwas falsch gemacht.»
Oder:
«Ich wollte doch, dass es allen gut geht.»
Menschen, die sehr empathisch sind, übernehmen häufig Verantwortung für die Gefühle anderer.
Sie verlieren nicht das Spiel.
Sie verlieren das gute Gefühl, dass alle zufrieden sind.
Darum trifft sie Theos Reaktion stärker.
Warum macht es Jonas weniger aus?
Jonas schaut die Situation anders an.
Sein Erwachsenen-Ich ist aktiv.
Er kann unterscheiden zwischen:
Theo ist enttäuscht.
Ich bin nicht verantwortlich für diese Enttäuschung.
Er sieht:
«Theo lernt gerade etwas Wichtiges.»
Deshalb bleibt er ruhiger.
Nicht weil er Theo weniger liebt.
Sondern weil er die Gefühle von Theo besser bei Theo lassen kann.
Die eigentliche Aufgabe von Gesellschaftsspielen
Viele Menschen glauben, Gesellschaftsspiele seien Unterhaltung.
Eigentlich sind sie oft kleine Trainingslager fürs Leben.
Kinder lernen dabei:
warten
Regeln akzeptieren
Frustration aushalten
mit Unsicherheit umgehen
verlieren
gewinnen, ohne andere abzuwerten
Das sind Fähigkeiten, die später in Beziehungen, im Beruf und im Alltag enorm wichtig werden.
Verlieren lernen – aber wie?
Der häufigste Fehler ist, Kinder vor jeder Enttäuschung schützen zu wollen.
Wenn Erwachsene absichtlich verlieren, lernt das Kind:
«Verlieren darf nicht passieren.»
Die wichtigere Botschaft wäre:
«Verlieren ist unangenehm. Und du kannst es trotzdem aushalten.»
Was Eltern und Bezugspersonen tun können
Gefühle benennen
Statt:
«Ist doch nur ein Spiel.»
Lieber:
«Du bist gerade richtig enttäuscht, weil du so gerne gewonnen hättest.»
Das Kind fühlt sich verstanden.
Nicht sofort retten
Die Tränen oder die Wut müssen nicht sofort verschwinden.
Manchmal reicht:
«Ich bin bei dir. Das ist gerade schwierig.»
Eigene Niederlagen zeigen
Kinder lernen am Vorbild.
Wenn Erwachsene sagen:
«Ich hätte auch gerne gewonnen. Schade. Nächstes Mal versuche ich es wieder.»
lernen Kinder, wie man mit Enttäuschungen umgehen kann.
Den Wert vom Ergebnis trennen
Nicht:
«Du bist ein Gewinner!»
Sondern:
«Ich habe gesehen, wie konzentriert du gespielt hast.»
So lernt das Kind:
Mein Wert hängt nicht vom Resultat ab.
Was Theo an diesem Nachmittag wirklich gelernt hat
Vielleicht nicht sofort.
Vielleicht auch nicht beim nächsten Spiel.
Aber jedes Mal, wenn Theo verliert und merkt:
Ich bin enttäuscht.
Ich bin wütend.
Ich schäme mich vielleicht sogar.
Und trotzdem bin ich okay.
entsteht etwas sehr Wertvolles.
In der Sprache der Transaktionsanalyse:
Ich bin okay – auch wenn ich nicht gewonnen habe.
Warum viele Erwachsene heute noch genauso reagieren wie Theo
Wenn wir ehrlich sind:
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Fähigkeit, die ein Gesellschaftsspiel überhaupt vermitteln kann.
Denn das Leben verteilt nicht immer die besten Karten.
Aber wir können lernen, auch dann am Tisch sitzen zu bleiben.
Die meisten Erwachsenen verlieren nicht wirklich besser als Theo.
Sie zeigen es nur anders.
Ein Kind wirft vielleicht die Spielfiguren auf den Tisch.
Ein Erwachsener zieht sich zurück, wird zynisch, macht sich selbst fertig oder sucht nach Schuldigen.
Die Gefühle darunter sind oft dieselben.
Denn viele von uns haben als Kinder unbewusst gelernt:
Wenn ich gewinne, bin ich wertvoll.
Wenn ich erfolgreich bin, werde ich geliebt.
Wenn ich gut bin, gehöre ich dazu.
Wenn ich verliere, stimmt etwas mit mir nicht.
Diese alten Entscheidungen aus dem Kind-Ich nehmen wir häufig mit ins Erwachsenenleben.
Dann geht es plötzlich gar nicht mehr um ein Gesellschaftsspiel.
Sondern um:
die Beförderung, die jemand anderes bekommen hat
die Prüfung, die nicht bestanden wurde
die Beziehung, die gescheitert ist
den Auftrag, den jemand anderes erhalten hat
die Kollegin, die scheinbar erfolgreicher ist
die Mutter auf Instagram, die alles besser macht
Von aussen wirken das wie Alltagssituationen.
Von innen fühlt es sich manchmal an wie damals am Spieltisch.
Als würde wieder die Frage auftauchen:
«Bin ich noch okay, wenn ich nicht gewinne?»
Die Transaktionsanalyse nennt das ein Skript
Nach der Transaktionsanalyse entwickeln wir bereits in jungen Jahren unbewusste Lebensüberzeugungen.
Zum Beispiel:
«Ich bin nur wertvoll, wenn ich erfolgreich bin.»
Oder:
«Ich darf keine Fehler machen.»
Oder:
«Andere sind besser als ich.»
Diese Überzeugungen bilden einen Teil unseres Lebensskripts.
Später reagieren wir oft nicht auf die aktuelle Situation, sondern auf die alte Bedeutung, die wir ihr geben.
Der Erwachsene, der wegen einer Absage tagelang an sich zweifelt, reagiert häufig nicht nur auf die Absage.
Ein Teil von ihm reagiert auf viele frühere Momente, in denen er sich klein, nicht gut genug oder ausgeschlossen gefühlt hat.
Wirklich verlieren lernen bedeutet etwas anderes
Verlieren lernen bedeutet nicht, dass es uns egal wird.
Natürlich dürfen wir enttäuscht sein.
Natürlich dürfen wir traurig sein.
Natürlich dürfen wir uns ärgern.
Die eigentliche Reife besteht darin, dass wir lernen, unseren Wert nicht mehr vom Ergebnis abhängig zu machen.
Dass wir irgendwann sagen können:
«Ich hätte gerne gewonnen.»
statt
«Mit mir stimmt etwas nicht.»
Und genau hier beginnt die Haltung der Transaktionsanalyse:
Ich bin okay – du bist okay.
Nicht weil ich gewonnen habe.
Nicht weil ich besser bin.
Nicht weil alles gelingt.
Sondern weil mein Wert als Mensch grösser ist als jedes Ergebnis.
Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen einem Kind und einem erwachsenen Menschen:
Nicht, dass Erwachsene besser verlieren.
Sondern dass sie lernen können, sich auch im Verlieren noch als wertvoll zu erleben.
Und das ist eine Fähigkeit, die weit über jedes Gesellschaftsspiel hinausgeht.




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