Liebe oder Angst?
- Caroline Schwander

- 29. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Warum wir manchmal an einer guten Beziehung zweifeln
Eine Geschichte über Lena, Jonas und die Frage: «Was, wenn ich mich irre?»

«Jonas, darf ich dich etwas fragen?»
Lena sitzt mit einer Tasse Tee auf dem Sofa. Sie wirkt nachdenklich.
«Natürlich», antwortet Jonas.
«Bist du dir eigentlich immer sicher, dass ich die Richtige für dich bin?»
Jonas schaut sie überrascht an.
«Nein», sagt er nach einer Weile ehrlich. «Nicht immer. Aber ich glaube auch nicht, dass Liebe bedeutet, nie zu zweifeln.»
Lena zieht die Beine an. Sie wirkt erleichtert – und gleichzeitig verunsichert.
«Ich habe manchmal Angst», sagt sie leise. «Wir haben keinen Streit. Du behandelst mich gut. Ich fühle mich wohl mit dir. Und trotzdem denke ich plötzlich: Was, wenn ich mich täusche? Was, wenn ich irgendwann merke, dass du doch nicht der Richtige bist? Was, wenn ich jemanden verpasse?»
Jonas legt seine Hand auf ihre.
«Vielleicht geht es gar nicht darum, ob ich der Richtige bin», sagt er. «Vielleicht geht es darum, wie viel Unsicherheit du aushalten kannst.»
Lena schweigt.
Denn genau das ist die Frage, mit der viele Menschen in die Beratung kommen.
Nicht:
«Ich liebe meinen Partner nicht mehr.»
Sondern:
«Warum zweifle ich, obwohl eigentlich alles gut ist?»
Wenn Liebe plötzlich wie ein Test wird
Viele Menschen glauben, Liebe müsse sich eindeutig anfühlen.
Sie erwarten:
immer Schmetterlinge,
absolute Sicherheit,
keine Zweifel,
keine Ambivalenz.
Tauchen Zweifel auf, entsteht schnell Panik oder Unsicherheit:
«Wenn ich zweifle, bedeutet das vielleicht, dass etwas nicht stimmt.»
Doch menschliche Beziehungen funktionieren selten so eindeutig.
Gefühle verändern sich. Nähe und Distanz wechseln sich ab. Stress beeinflusst unsere Wahrnehmung. Und manchmal meldet sich etwas, das älter ist als die aktuelle Beziehung.
Hier kann die Transaktionsanalyse helfen.
Die Transaktionsanalyse: Wer spricht gerade in mir?
Die Transaktionsanalyse geht davon aus, dass wir drei Ich-Zustände in uns tragen:
Das Eltern-Ich
Die Stimmen und Botschaften, die wir übernommen haben.
Zum Beispiel:
«Du musst die richtige Entscheidung treffen.»
«Du darfst keinen Fehler machen.»
«Wenn du dich einmal bindest, musst du dir hundertprozentig sicher sein.»
Manche Menschen haben ein sehr kritisches Eltern-Ich.
Es überprüft ständig:
«Passt das wirklich?»
«Ist das genug?»
«Bist du sicher?»
Das Kind-Ich
Hier leben Gefühle, Bedürfnisse und alte Erfahrungen.
Das Kind-Ich erinnert sich:
an Verletzungen,
an Zurückweisungen,
an Trennungen,
an Unsicherheit.
Es fragt:
«Was, wenn ich wieder enttäuscht werde?»
«Was, wenn ich verlassen werde?»
«Was, wenn ich mich falsch entscheide?»
Die Angst von heute ist manchmal auch die Angst von damals.
Das Erwachsenen-Ich
Es schaut in die Gegenwart.
Es fragt:
Was erlebe ich tatsächlich?
Wie verhält sich mein Partner?
Was sind Fakten?
Was sind Befürchtungen?
Das Erwachsenen-Ich weiss:
Ich kann jemanden lieben und trotzdem manchmal zweifeln.
Ich kann Angst haben und trotzdem eine gute Entscheidung treffen.
Ich muss nicht jede Unsicherheit sofort lösen.
Lena erkennt ihr Muster
«Ich glaube», sagt Lena nachdenklich, «mein Kopf sucht ständig nach Beweisen.»
«Wofür?», fragt Jonas.
«Dass ich nichts falsch mache.»
Sie hält kurz inne.
«Wenn ich einen Zweifel habe, denke ich sofort, ich müsste die Beziehung überdenken.»
Jonas nickt.
«Vielleicht versuchst du nicht herauszufinden, ob unsere Beziehung stimmt», sagt er. «Vielleicht versuchst du nur, absolute Sicherheit zu bekommen.»
Und genau darin liegt oft die Falle.
Denn absolute Sicherheit gibt es in Beziehungen nicht.
Nie.
Warum Zweifel nicht automatisch ein Warnsignal sind
Manche Zweifel weisen tatsächlich auf Probleme hin:
fehlender Respekt,
emotionale Gewalt,
unterschiedliche Lebensziele,
mangelnde Verbindlichkeit.
Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Viele Zweifel entstehen jedoch nicht aus der Beziehung selbst.
Sie entstehen aus dem Wunsch nach Kontrolle.
Aus der Hoffnung:
«Wenn ich nur genug nachdenke, werde ich irgendwann zu hundert Prozent sicher sein.»
Doch je mehr wir prüfen, desto mehr Gründe findet unser Gehirn zum Weiterprüfen.
Die Suche nach Sicherheit wird endlos.
Was helfen kann
Wenn du dich in Lena wiedererkennst, versuche dir folgende Fragen zu stellen:
Was sind die Fakten?
Nicht: Was könnte irgendwann passieren?
Sondern:
Wie behandelt mich mein Partner heute?
Fühle ich mich grundsätzlich respektiert?
Kann ich ich selbst sein?
Erlebe ich Vertrauen und Verlässlichkeit?
Wer spricht gerade in mir?
Ist es …
mein kritisches Eltern-Ich?
mein verletztes Kind-Ich?
mein Erwachsenen-Ich?
Alle dürfen gehört werden.
Aber nicht alle müssen die Entscheidung treffen.
Kann ich Unsicherheit zulassen?
Vielleicht lautet die Frage nicht:
«Ist das die perfekte Beziehung?»
Sondern:
«Bin ich bereit, mich trotz Unsicherheit auf Liebe einzulassen?»
Denn Liebe ist kein Vertrag mit Garantie.
Liebe ist eine Entscheidung, immer wieder in Beziehung zu gehen – obwohl wir nicht alles kontrollieren können.
Zum Schluss
Lena lehnt ihren Kopf an Jonas’ Schulter.
«Also bedeutet Zweifeln nicht automatisch, dass etwas falsch ist?»
Jonas lächelt.
«Vielleicht bedeutet es einfach, dass du ein Mensch bist.»
Sie lächelt zurück.
Und zum ersten Mal seit Langem versucht sie nicht, die Unsicherheit wegzudenken.
Sie nimmt sie wahr.
Und entscheidet sich trotzdem dafür, im Hier und Jetzt zu bleiben.
Denn manchmal ist die wichtigste Frage nicht:
«Woher weiss ich, dass es für immer richtig ist?»
Sondern:
«Ist es heute gut genug, um einen weiteren gemeinsamen Schritt zu gehen?»
Und vielleicht beginnt genau dort eine reife Form von Liebe.
Wenn dich diese Gedanken beschäftigen
Wiederkehrende Beziehungszweifel können sehr belastend sein – besonders dann, wenn sie sich wie eine Endlosschleife anfühlen und die Freude an einer eigentlich guten Beziehung überschatten.
In einer psychosozialen Beratung kann es hilfreich sein, gemeinsam zu verstehen, woher diese Zweifel kommen, welche inneren Stimmen sie nähren und wie du wieder mehr Vertrauen in dich selbst und deine Entscheidungen entwickeln kannst.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen.
Praxis Bernstein – Psychosoziale Beratung, Paarberatung und Coaching
Für Menschen, die sich selbst und ihre Beziehungen besser verstehen möchten.




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