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UNLUST – Warum sie nicht unser Feind ist

  • Autorenbild: Caroline Schwander
    Caroline Schwander
  • 7. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Manchmal braucht es nicht mehr als einen Atemzug, eine Pause und einen freundlichen Satz zu sich selbst.
Manchmal braucht es nicht mehr als einen Atemzug, eine Pause und einen freundlichen Satz zu sich selbst.

Wie ACT und Transaktionsanalyse helfen, inneren Widerstand zu verwandeln

 

Unlust ist ein unangenehmes Wort. Noch unangenehmer ist das Gefühl dahinter:

Kein Antrieb, keine Motivation, alles ist mühsam. Und genau dann beginnt ein innerer Kampf:

«Ich muss doch!», «Andere schaffen das auch!», «Jetzt reiss dich zusammen!»

 

In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) lautet ein Schlüsselsatz:

 

Je mehr wir gegen innere Erfahrungen kämpfen, desto mehr Macht bekommen sie.

 

Und auch die Transaktionsanalyse (TA) kennt dieses Muster:

Antreiber machen Druck – das Kind-Ich zieht die Notbremse – das Erwachsenen-Ich verliert die Führung.

 

Damit Unlust nicht zur Blockade wird, braucht es etwas, das vielen Menschen fehlt:

Erlaubnis, Pausen zu brauchen und unperfekt sein zu dürfen.


Michael – Der Kampf gegen die Unlust

Michael ist 36, leistungsstark, zuverlässig, jemand, der normalerweise durchzieht.

Aber seit Monaten fühlt sich alles schwer an.

Er wacht morgens auf und spürt: Unlust. Keine Energie. Keine Lust auf irgendwas.

 

Doch sofort geht es los:

  • «Reiss dich zusammen!»

  • «Du musst funktionieren!»

  • «Andere leisten mehr als du!»

 

Das ist der Antreiber «Sei perfek»: streng, hart, fordernd.

 

Michael ignoriert seine Grenzen.

Er arbeitet weiter.

Er bleibt länger.

Er versucht, schneller zu werden.

 

Doch was passiert?

  • Er ist gereizt

  • Er schläft schlecht

  • Er fühlt sich schuldig

  • Sein Körper zeigt Erschöpfung

  • Die Unlust wird stärker, nicht kleiner

 

In der TA bedeutet das:

Das Eltern-Ich schimpft und fordert –

das Kind-Ich verweigert sich oder klappt innerlich zu.

 

In der ACT nennt man das Kampf- und Kontrollstrategie:

Je stärker er die Unlust wegdrückt, desto mächtiger wird sie.

 

Langfristig kann das führen zu:

  • dauerhafter Erschöpfung

  • innerem Ausbrennen

  • Rückzug

  • depressiven Verstimmungen

  • Verlust von Freude und Sinn

 

Nicht, weil Unlust gefährlich ist – sondern weil wir nicht gelernt haben, damit umzugehen.



Florian – Ein anderer Umgang mit Unlust

Florian steht vor ähnlichen Herausforderungen. Auch er erlebt Druck, Deadlines und Verantwortung. Auch bei ihm taucht Unlust auf.

 

Doch Florian hat zwei Werkzeuge gelernt:

  • Aus ACT: Nicht kämpfen, sondern beobachten und annehmen.

  • Aus TA: Den inneren Antreiber erkennen und Erlaubnis geben.


Eine Alltagsszene

An einem Dienstagmorgen sitzt er vor dem Computer. Viel Arbeit, wenig Energie.

Er spürt: Unlust.

 

Früher hätte Florian sich selbst stark unter Druck gesetzt:

«Das geht nicht, du musst liefern!»


Doch heute lehnt er sich kurz zurück, atmet tief und sagt sich:

  • «Aha. Unlust ist da.»

  • «Das ist unangenehm, aber nicht gefährlich.»

  • «Ich muss gegen dieses Gefühl nicht kämpfen.»

 

Das ist ACT: Beobachten statt bewerten.

Er bemerkt den Antreiber

 

Nach ein paar Sekunden merkt er: Der Satz im Kopf heisst:

«Sei perfekt. Keine Pause. Keine Fehler.»

 

Früher hätte dieser Satz die Kontrolle übernommen.

Heute sagt Florian:

  • «Danke für die Erinnerung, dass dir Qualität wichtig ist.»

  • «Aber ich entscheide als Erwachsener.»

 

Das ist TA:

  • das Eltern-Ich wird wahrgenommen

  • das Erwachsenen-Ich übernimmt das Steuer.

-> Er gibt sich eine Erlaubnis

 

Florian sagt sich bewusst:

  • «Ich darf langsam machen.»

  • «Ich darf Pausen brauchen.»

  • «Ich bin okay, auch ohne Motivation.»

 

Mit dieser inneren Erlaubnis entspannt sich sein System. Das Kind-Ich fühlt sich gesehen – nicht übergangen. Er handelt werteorientiert (ACT)

 

Nach einer kurzen Pause fragt er:

  • «Was ist mir heute wirklich wichtig?»

  • «Welcher Schritt ist klein, aber machbar?»

 

Er entscheidet: 10 Minuten arbeiten. Nur 10.

 

Nicht perfekt, nicht schnell – nur anfangen.

Und genau das funktioniert: Nach 10 Minuten ist er drin.

Nicht, weil Motivation da war – sondern weil Druck weg war.



Was lässt sich daraus lernen?

Kampf gegen Unlust

Gesunder Umgang mit Unlust

innerer Druck

innere Entlastung

Perfektionismus

Erlaubnis

Kind-Ich blockiert

Erwachsenen-Ich steuert

Schuldgefühle

Selbstfreundlichkeit

Erschöpfung

kleine Schritte

Kontrolle

Werteorientiertes Handeln


Unlust ist kein Anzeichen von Schwäche. Sie ist ein Signal.

Oft bedeutet sie:

  • Körper braucht Erholung

  • Nervensystem braucht Pausen

  • Antreiber hat das Steuer übernommen

  • Sinn oder Freude sind verloren gegangen

 

Und sie darf da sein – ohne Kampf.




Mini-Selbsttest: Wie gehst du mit Unlust um?

Beantworte spontan mit Ja oder Nein:

  1. Ich finde Unlust peinlich oder schwach.

  2. Ich sage innerlich «Reiss dich zusammen!»

  3. Ich zwinge mich weiter, obwohl mein Körper protestiert.

  4. Danach bin ich gereizt oder erschöpft.

  5. Pausen fühlen sich verboten oder unverdient an.

  6. Ich habe das Gefühl, gegen mich selbst zu kämpfen.

  7. Wenn Unlust kommt, verliere ich die Freude an Aufgaben.

 

Auswertung:

  • 0–2-mal Ja: freundlicher Umgang, gute Selbstfürsorge

  • 3–5-mal Ja: hoher Antreiber, viel Druck

  • 6–7-mal Ja: Gefahr von Erschöpfung – neue Strategien wären wertvoll



Übung: Der 10-Minuten-Werte-Schritt


(ACT + TA kombiniert)

  1. Wahrnehmen: «Da ist Unlust. Sie darf da sein.»

  2. Körper spüren: Wo spüre ich sie? Druck, Schwere, Müdigkeit?

  3. Antreiber erkennen: «Sei perfekt?», «Streng dich an?», «Beeil dich?»

  4. Erlaubnis geben: «Ich darf Pausen brauchen.», «Ich bin okay, auch ohne Motivation.»

  5. Erwachsenen-Ich übernimmt: «Ich entscheide.»

  6. Werte fragen: «Was ist mir heute wichtig?»

  7. 10-Minuten-Schritt: Timer einschalten. Nur anfangen – nicht perfekt, nur beginnen.

 

Nach 10 Minuten entscheiden: -> Weitermachen oder bewusst stoppen.



Fazit

Michael zeigt, dass der Kampf gegen ein Gefühl uns festfahren kann.

Florian zeigt, dass Akzeptanz, Erlaubnisse und kleine Schritte uns bewegen,

auch wenn Unlust da ist.

 

Unlust wird zum Problem, wenn wir sie verdrängen. Sie wird zum Wegweiser, wenn wir sie verstehen.

 

Manchmal beginnt Veränderung nicht mit Motivation – sondern mit einem Atemzug, einer Erlaubnis und einem einzigen kleinen Schritt.

 

 
 
 

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